Buchinfo

Icherios Ceihns zweiter Fall!

Grausige Kreaturen schleichen durch Heidelbergs Gassen und der Schatten scheint zum Leben zu erwachen. Folgen Sie Icherios Ceihn auf den Spuren einer uralten Verschwörung!

Heidelberg 1771: Ein Hexenjäger, ein Halbvampir und eine mysteriöse Mordserie, die den Menschen das Blut in den Adern gefrieren lässt.

„Wenn du dieses Buch findest, bin ich vermutlich tot.“ Als Icherios Ceihn das Tagebuch seines ermordeten Freundes in den Händen hält, ist er entsetzt. Hatte Vallentin gewusst, dass man es auf ihn abgesehen hat? Warum hat er verheimlicht, dass er für den geheimen Orden der Rosenkreuzer arbeitete? Hat dieser etwas mit seinem Tod zu tun? Icherios entschließt sich, im Auftrag des Ordens nach Heidelberg zu gehen und nach Vallentins Mörder zu suchen. Was ihn dort allerdings erwartet, hätte er nie für möglich gehalten.

Der Krähenturm; Goldmann Verlag; ISBN: 978-3442476794

 

Leseprobe

Hexenjagd

In der Nähe von Tübingen
18. Octobris
Anno Domini 1771

»Tötet die Hexe!« Der untersetzte Mann, dem das Atmen schon hörbar schwerfiel, streckte Silas einen Lederbeutel entgegen, der verheißungsvoll klimperte.

Die beiden Männer standen sich in einem kleinen Forst gegenüber, gerade außerhalb der Sichtweite des kleinen Dorfs Hirsdingen, das einen halben Tagesritt von Tübingen entfernt lag.

Obwohl es bereits später Nachmittag war, besaß die Sonne nicht die Kraft, das Land zu erwärmen, dachte Silas bei sich. Im Schatten der Bäume, deren Blätter welk und kraftlos aussahen, war eine empfindliche Kälte zu spüren, die seine Hände rot färbte. Er nahm den Beutel entgegen und blickte prüfend hinein. Immerhin waren es wirklich Münzen, nicht viele, dennoch besser als in der letzten Ortschaft, in der ein habgieriger Pfaffe versucht hatte, ihn zu betrügen.

Er hätte eine Nacht am Feuer und eine warme Mahlzeit als Bezahlung vorgezogen, aber ein Mann wie er einer war wurde selten eingeladen. Die Menschen fürchteten den Zorn der Toten, deren Seelen er ins Jenseits befördert hatte.

»Sie ist schon tot. Sie weiß es nur noch nicht.« Silas befestigte den Beutel an seinem Waffengurt, den er um seine schmalen Hüften geschlungen hatte. Zahlreiche Dolche und Messer gewährleisteten, dass er immer die richtige Waffe zur Hand hatte. Zusätzlich trug er auf dem Rücken einen schlichten Säbel, den er vor vielen Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen hatte und eine Muskete hing griffbereit am Sattel.

Er wandte sich seinem Maultier zu und kraulte die Nüstern des dunkelbraunen Tieres. Adele war größer, als die meisten Reitpferde. Ihr eines Ohr, abgeknickt und eingerissen, erinnerte an den Kampf mit einer Pythonissa, einer Hexe, die Macht über die Toten besaß.

Der untersetzte Mann, Gernot, Bürgermeister von Hirsdingen, nickte ihm unsicher zu, bevor er sich umdrehte und in die Ortschaft zurückeilte.

Silas seufzte, dann stieg er in den Sattel. Seine Muskete legte er quer über seine Beine. Es war immer dasselbe. Für die Drecksarbeit war er gut genug, aber in den Dörfern wollte man ihn nicht sehen. Sein Magen knurrte. Vielleicht besaß die Hexe etwas Vernünftiges zu essen. Wenn er sie schon töten musste, wäre es eine Schande, ihre Vorräte verkommen zu lassen.

Er fasste sich an den Bauch, fühlte unter seinem Umhang aber nur seine hervorstehenden Rippen. Er hatte bereits zu viel Gewicht verloren wegen dieser verfluchten Kälte und der dadurch verursachten Hungersnot, die bereits das zweite Jahr anhielt. Hager war er zwar zeit seines Lebens gewesen, aber inzwischen war sogar der Stamm einer jungen Weide dicker als seine Beine.

Er ritt aus dem Wald hinaus und kam auf einen schmalen Weg, der entlang der abgeernteten Felder zu der Hexe Hela führte, die er töten sollte. Angeblich lebte sie an einem kleinen See, von dem der Bach gespeist wurde, der durch Hirsdingen floss. In dem Ort war eine Krankheit ausgebrochen, und nun brauchten die Bewohner einen Schuldigen.

Alleinstehende Frauen boten sich als Sündenbock an. Selten konnten sie Widerstand leisten, und man konnte auch gut ohne sie leben. Da sie zumeist ungelernt waren, fiel keine gelernte Arbeitskraft aus, wie es zum Beispiel bei einem Hufschmied oder Schreiner der Fall gewesen wäre.

Erstaunlich war nur, wie oft die Menschen mit ihren Verdächtigungen tatsächlich richtig lagen und es dann, ohne es zu ahnen, mit wahren Hexen zu tun bekamen. Dieser hinterhältigen Brut, wie es das Hexenpack war, gelang es häufig über Jahre oder gar Jahrzehnte, sich erfolgreich zu verbergen. Es waren gute Zeiten für Hexenjäger. Seit die Hexenjagd zum Erliegen gekommen war, Kirche und Regierung nichts mehr von Magie wissen wollten, waren die einfachen Menschen bereit, viel Geld zu zahlen, damit man sie von dem Übel befreite.

Die Sonne sank hinter den sanften Hügeln, raubte dem Land den letzten Hauch von Wärme und veranlasste den Hexenjäger, seinen Umhang enger um sich zu schlingen. Nebelschwaden zogen über die Wiesen und Felder. Gespenstische Stille breitete sich langsam aus, je näher Silas dem Wald kam, in dem die Hexe lebte. Nur das leise Schlagen von Fledermausflügeln konnte er hin und wieder hören.