Die Genetik des Bösen Teil 1

Heute habe ich einen laaaangen Artikel für euch zu dem Hauptthema der „Bestimmung des Bösen“: Die Genetik des Bösen. Ich finde dieses Thema super spannend und habe euch an dieser Stelle zusammengetragen, was ich alles an Infos gefunden habe. Falls ihr euch das lieber anhören wollt, könnt ihr auch einfach auf meinem Youtube-Channel vorbeischauen und euch das entsprechende Video anschauen. Dazu einfach auf das nebenstehende Bild klicken.

Monoaminooxidase-A

Wenn man von der Genetik des Bösen spricht, geht es meistens um das Gen Monoaminooxidase-A, kurz MAO-A. Es wird vermutlich noch eine ganze Reihe von anderen Genen geben, die unsere Verhalten beeinflussen, aber die Forschung hat sich bisher vor allem darauf konzentriert.

Das Monoaminooxidase-A-Gen codiert ein gleichnamiges Enzym, das an verschiedenen Abbauprozessen beteiligt ist. Es wurde bei allen Säugetieren gefunden und ein homologes Gen (also mit demselben evolutionären Ursprung) wurde sogar bei Pilzen entdeckt.

Die Monoaminooxidase-A findet man in der mitochondrialen Membran. Als kleine Erinnerung: Mitochondrien sind Zellorganellen und somit Bestandteile der Zelle, die als eine Art Kraftwerk dienen und die Energie für die verschiedenen Zellfunktionen bereitstellen. Die Mitochondrien werden von zwei Membranen umgeben (eine Art Hülle) und in dieser befindet sich die Monoaminooxidase-A. MAO-A kommt allerdings nicht in allen Zellen vor, sondern vor allem im Gehirn, Darm, Nervensystem und der Plazenta.

Das Enzym ist am Abbau von Serotonin (als Glückshormon bekannt), Melatonin, Noradrenalin und Adrenalin beteiligt.

Als besonders wichtig für das weitere Verständnis ist noch ein Detail: Das Monoaminooxidase-A-Gen befindet sich auf dem X-Chromosom, also einem der Geschlechtschromosomen.  Frauen haben zwei X Chromosome, wodurch ein Defekt in einem der X-Chromosomen unter Umständen durch das andere „ausgeglichen“ werden kann. Männer mit XY als Geschlechtschromosomen verfügen nur über ein X-Chromosom, wodurch ein Defekt sofort Auswirkungen hat.

Unterschied Fiktion und Realität

In der „Bestimmung des Bösen“ kommt das kill:gen vor, das rein fiktiv ist. Ich habe mich für dieses Gen entschieden, da die Realität und die aktuell vorliegenden Fakten um die Monoaminooxidase-A viel zu komplex sind, um sie in einem Thriller nebenbei zu erläutern.

Hinzu kommt, dass manche Dinge nicht sehr intuitiv sind. Beim kill:gen habe ich beschlossen, dass ein Vorhandensein des Gens ein Indikator für das „Böse“ ist. Bei MAO-A ist es genau umgekehrt.

Zudem glaube ich fest daran, dass es noch viele weitere Gene gibt, die uns eine Veranlagung zu bestimmten Verhalten mitgeben. Wer weiß, ob es nicht doch ein kill:gen gibt? 🙂

Das Brunner-Syndrom

Fällt die Monoaminooxidase-A durch einen Gendefekt komplett aus, leiden die Betroffenen unter einer angeborenen Stoffwechselstörung, die als Brunner-Syndrom bekannt ist. Sie leiden unter einem leichten, intellektuellen Defizit und neigen zu impulsiver Aggressivität bis hin zur Gewalttätigkeit.  Entdeckt wurde dies 1993 durch H.G. Brunner, der eine große niederländische Familie entdeckte, deren Mitglieder alle diesen Gendefekt aufwiesen, wobei alle Männer die Symptome zeigten.

Es gibt eine Behandlungsmöglichkeit, mit der man die MAO-A-Aktivität steigern kann. Ist das „Böse“ somit heilbar?

Neophilie

Interessant ist die Tatsache, dass es Hinweise gibt, dass das Gegenteil, also eine Überproduktion von Monoaminooxidase-A, zu einer Veranlagung zur Neophilie führt. Sehr vereinfacht kann man sagen, dass diese Menschen extrem neugierig sind. Weitere typische Merkmale sind das Bedürfnis, Neues kennenzulernen und zu erfahren; die Bereitschaft und Fähigkeit, sich schnell an Veränderungen anzupassen; eine Abneigung gegenüber Routine starre Regeln, Traditionen und soziale Normen.

Das Kriegergen oder warrior gene

2004 präsentierte Gibbons das Konzept vom warrior gene, bei dem er die These aufstellte, dass bestimmte Varianten des MAO-A-Gens, die eine geringere Ausschüttung des Enzyms zufolge hätten, Menschen evolutionäre Vorteile bringen könnten.

2006 wurden als Beispiel die Māori angeführt, deren Ausbreitung im südpazifischen Raum mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen niedrigen MAO-A-Wert zurückzuführen sei.  Die Daten, die diese These untermauern sollten, sind allerdings auf verschiedener Eben problematisch. Unter anderem, dass es zu wenig Teilnehmer gab (17 Māori), aber auch die grundlegende Annahme des evolutionären Vorteils ist schwierig, da die einzig gesicherten „Symptome“ von niedrigen MAO-A-Werten beim Brunner-Syndrom beschrieben sind. Weder geringe Intelligenz, noch Impulsivität oder Aggression hätten nach Ansicht von Historikern, den Māori bei der Ausbreitung helfen können.

Das die Māori über diese Theorie ebenfalls nicht sehr glücklich waren, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen.

Die Dunedin-MAO-A-Studie

Leider hat vor allem das warrior gene die ganze mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dabei gibt es sehr viel interessantere Forschungen und Studien auf diesem Gebiet. Eine davon will ich euch noch vorstellen.

1972 / 1973 nahm die Dunedin-Studie ihren Anfang. Dabei werden alle 1047 Personen, die im Laufe eines Jahres (April 1972 bis März 1973) in Dunedin / Neuseeland geboren wurden ihr Leben lang von Wissenschaftlern begleitet und auf ihre psychische, soziale und gesundheitliche Entwicklung hin untersucht. Bis heute kommen noch 97 % der Probanden zu den Untersuchungen!

2002 wurde diese Langzeitstudie verwendet, um mehr Informationen über MAO-A und den Einfluss auf das menschliche Verhalten zu erhalten. Dabei wurden Männer untersucht, die in ihrer Kindheit misshandelt wurden (wir erinnern uns – Männer haben nur ein X-Chromosom). Zudem wurden vier Symptome zur Bestimmung von antisozialem Verhalten festgelegt.

Die Ergebnisse waren verblüffend:

  • 12 % der Gesamtheit wiesen einen niedrigen MAO-A-Wert auf und waren in ihrer Kindheit misshandelt worden.
  • Sie stellten allerdings 44 % der Männer mit gewalttätigen Überzeugungen
  • und 85 % der Männer mit niedrigem MAO-A-Wert, die als Kind misshandelt wurden zeigten antisoziales Verhalten.

Es wurden noch weitere Studien unternommen und wie immer ist die Diskussion in der Wissenschaft noch heiß am laufen. Eines der Argumente ist, dass es auch ein anderes Gen sein könnte und der Zusammenhang mit dem MAO-A-Gen noch nicht ausreichend gesichert ist. 2007 gab es allerdings eine weitere Studie, die die Theorie, dass ein niedriger MAO-A-Wert zusammen mit kindlichen Misshandlungserfahrungen ein erhöhtes Risiko für späteres aggressives Verhalten mit sich bringt, weiter untermauerte.

Verwendung vor Gericht

Vor Gericht wurde unter anderem 2009 in den USA damit argumentiert, dass niemand etwas für seine Gene und damit einhergehende Defekte kann. In den meisten, westlichen Ländern (oder allen?) wirken sich psychische Krankheiten auch strafmildernd aus und die Betroffenen werden behandelt, anstatt getötet. Angesichts der Tatsache, dass z.B. das Brunner-Syndrom behandelbar ist, wirkt die Argumentation mit den Genen nicht mehr ganz so absurd, oder?
Das Gericht befand 2009 ebenso und verhängte kein Todesurteil, sondern „nur“ eine lange Haftstrafe.

Nächste Woche geht es dann mit meiner persönlichen Meinung zu dem Thema, den Möglichkeiten, die sich durch diese Forschung bietet und den ethischen Problemen.

 

 

 

 

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