[Schatzsuche] Tesudehs letzte Reise

Es war einmal eine alte Fee namens Tesudeh. Die Jahre hatten ihrem einst in zartem Grün schimmerndem Haar die Farbe geraubt, den gebrechlichen Körper stützte sie auf einen krummen Stock und das linke Auge blickte blind ins Leere. Dennoch sah sie sich gezwungen, ihr gemütliches Häuschen hoch oben in den Wipfeln einer tausendjährigen Eiche zu verlassen. Ein Ruf hatte sie ereilt, dem sie sich nicht zu widersetzen vermochte.

Ein letztes Mal legte sie ihre Wange an das glatte Holz der Eingangstür, versiegelte das Schloss mit einer Träne und sagte der Baumseele Lebewohl. Danach schwang sie sich in die Lüfte, und, auch wenn ihre Flügel blass und durchscheinend waren und ihre Muskeln unter der Anstrengung zitterten, durchströmte sie freudige Erregung, als sie über ihr geliebtes Tal hinwegflog.

Sieben Tage und sieben Nächte flog sie, machte nur Pause, um aus kalten Bächen und moosgrünen Seen zu trinken. Wann immer sie konnte, flog sie niedrig, um sich ein paar Äpfel von kleinen, wilden Bäumen zu pflücken. Dann erreichte sie das Immergrüne Schloss im Herzen des Nordwalds. Erbaut aus Feenzauber und 899 Silbereschen erhob sich der Palast hoch in den Himmel. Die Baumkronen verwoben sich zu Dächern, die unzählige kleine Türmchen und Erker zierten und ein Teppich aus Sternmoos bedeckte die Treppe zum Eingangsportal.

„Du kommst spät, Schwester“, wurde sie von Zalideh begrüßt, die ihr Haar in feurigem Rot färbte, aber auch auf diese Weise ihr Alter nicht verleugnen konnte.
„Alte Knochen fliegen langsam.“

Ohne ihr eine Rast zu gönnen, führte Zalideh sie in die Große Halle, in der die anderen Feen bereits warteten. Sie saßen auf aus Wurzeln gewachsenen Stühlen um einen Tisch aus schneeweißem Salz.

Zalideh, die Jüngste und doch stärkste von ihnen, richtete mit klarer Stimme das Wort an die Versammlung, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Tesudeh sich an ihren Platz begab.
„Eine neue Zeit bricht heran, die Menschen lernen zu singen und tanzen. Doch obwohl sie ihre Geschichten lieben, sind diese ebenso flüchtig, wie ihre kurzen Leben.“

Ein Raunen ging durch die Halle – kaum etwas war einer Fee so wichtig, wie eine gute Geschichte, ob erfunden oder Zeugnis eines wahren Ereignisses. Nicht, dass sie nicht von dem Schicksal der Menschensagen gewusst hätten, aber die nackte Wahrheit so schonungslos ausgesprochen, schockierte sie.

„Wir sind alt, es ist an der Zeit, dem Neuen Platz zu machen. Doch wir waren uns einig, nicht ohne ein Geschenk an die Menschen zu gehen, nicht ohne uns einen Teil der Unsterblichkeit zu sichern. So lasst uns nun Abschied nehmen.“

Die Feen erhoben sich, gingen von einer zur anderen, tauschten letzte Worte, kleine Anekdoten und Umarmungen aus. Die eine oder andere Träne wurde vergossen und die Silbereschen sangen ein trauriges Lied. Dann stellten sie sich in einen Kreis und eine nach der anderen trat vor, sprach einen Zaubervers und verschwand, als hätte sie nie existiert.

Tesudeh trat als Zwanzigste, nur wenige ihrer Schwestern waren verblieben, in die Mitte und sprach ihre letzten Worte. „Ich schenke den Menschen das „T“, das für Träume, Treue und Trauer steht. Nehmt meine Seele und mein Leben und vergesst niemals die Macht der Worte.“ Auch sie verschwand innerhalb eines Augenblicks und sieben Tage entfernt erzitterte ihre tausendjährige Eiche bei dem Verlust der Gefährtin.

Zalideh sprach als letzte, als Sechsundzwanzigste, ihren Vers, und nachdem auch sie verschwunden war, senkte sich Stille über das Immergrüne Schloss, breitete sich über den Nordwald aus und brandete gegen die tosenden Klippen des Ozeans.

Doch die Stille währte nicht lange, bald schon wieder sangen die Vögel, kleine Käferfüße trippelten über raschelndes Laub und Menschenkinder lachten im abendlichen Sonnenschein. Es schien, als hätte sich nichts geändert und doch war alles anders.

Die Feen hatten den Menschen das Alphabet geschenkt; die Fähigkeit Geschichten auf ewig festzuhalten und über weite Distanzen und sogar Jahre miteinander zu sprechen.

Und in jedem niedergeschriebenen Wort leben die Feen weiter, singen ihr ewiges Lied und tanzen im Reigen der Buchstaben.

 

Tesudeh schenkte den Menschen das „T“, einen Buchstabe, der euch zu einer Sammlung umwerfender Geschichten verhelfen kann. Welche ihrer Schwestern ihr noch benötigt, wird euch meine Kollegin Tanja Heitmann verraten.


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