Über das “Für die Schublade schreiben” und die Verlagssuche

Ich schreibe zwar nur selten etwas in Foren, aber ich verfolge einige Schreibforen und in letzter Zeit lese ich immer wieder einige Aussagen, die mich den Kopf schütteln lassen.

1. Bei den großen Verlagen wird man nur genommen, wenn man Beziehungen hat.
Falsch – es mag zwar manchmal helfen, aber es ist definitiv nicht notwendig. Weder kannte ich zur Zeit meiner Bewerbung irgendwelche anderen Autoren (auch keine Hobbyautoren), noch irgendwelche Verlagsmenschen / Agenten und habe mich ganz klassisch mit Leseprobe und Exposé beworben. Wie man sieht, hat es funktioniert.

2. Verlage nehmen nur ausländisch Lizenzen und keine neuen, deutschen Autoren.
Falsch – Lizenzen und Übersetzungen sind so teuer, dass Verlage sehr offen deutschen Autoren gegenüber sind. Allerdings können sie natürlich nicht jedes Jahr Tausend Neuautoren aufbauen (bis ein Autor dem Verlag Geld einbringt, kann es oft mehrere Bücher dauern), deswegen wird natürlich eine Auswahl getroffen.
Diese Aussage stammt vermutlich noch aus den 90er Jahren, in denen es vor allem in der Fantasy tatsächlich nicht gut für heimische Autoren aussah, aber Zeiten ändern sich. Also denkt bitte immer erst über solche Kommentare nach, bevor ihr sie glaubt!

3. Man muss bereits in Anthologien oder Kleinverlagen veröffentlicht haben, um von den “Großen” angenommen zu werden.
Falsch – ich hatte vor der “Alchemie der Unsterblichkeit” keine Veröffentlichungen aufzuweisen. Ich hatte mich zwar bei ein paar Anthologien beworben, wurde aber immer abgelehnt. 😉

4. Verlage veröffentlichen immer nur denselben Mist.
Falsch – Verlage verlegen, was gelesen wird. Ich gehe davon aus, dass die meisten, die das hier lesen zu den Leseratten gehören. Natürlich wird es uns recht schnell langweilig und wir suchen nach neuen Genren, unkonventionellen Geschichten, aber die Mehrheit der Leser liest vielleicht zwei, drei Bücher im Jahr und das nur im Urlaub. Wenn Wenigleser A im Sommer Twilight gelesen hat und es toll fand, wird er im Winter wieder etwas Derartiges lesen wollen. Diesen (sehr großen Markt) müssen die Verlage bedienen, wenn sie überleben wollen. Und man sollte zwei Dinge nicht vergessen:
1. Die Bestseller und Standardprojekte finanzieren die Neuautoren und Risikoprojekte.
2. Wir Vielleser können den Verlagen “relativ” egal sein. Wir mögen zwar meckern, dass uns die Auswahl nicht gefällt, aber kaum einer von uns wird deswegen mit dem Lesen aufhören. 😉
Des weiteren gibt es ja auch immer wieder mal neue, ungewöhnliche Romane. Aber ebenso wie Neuautoren Risikos sind, sind es die neuen Themen auch – ein Verlag kann nicht nur so etwas bringen. Und oft sind diese Projekte dann auch nicht sehr erfolgreich, wodurch man nur selten etwas von ihnen hört / sie nicht wahrnimmt. Mal abgesehen davon waren auch Twilight / Harry Potter damals etwas Neues / ein Risiko und sie fanden trotzdem einen Verlag. Ich finde es deshalb immer etwas absurd, wenn die Anzahl der Ablehnungen, die Bestsellerautoren erhalten haben, als Beweis genommen werden, dass Verlage nichts Neues wollen oder Lektoren keine Ahnung haben – diese Autoren wurden veröffentlicht und haben es also geschafft. Es behauptet ja niemand, dass es leicht ist.

5. Die großen Publikumsverlage bezahlen einem Neuautoren so wenig, da kann ich auch gleich zu BoD gehen.
Es gibt zwar bei den Vorschüssen von Neuautoren gewaltige Unterschiede, aber so schlimm ist es sicherlich nicht. Ich weiß von einigen, die sehr zufrieden mit ihrem Verdienst sind.

6. Ohne Lektor ist es eh viel besser – ich will nicht, dass mir jemand in meinem Text herumpfuscht.
Ich weiß natürlich, dass einige sich als Künstler betrachten und jedes Wort von ihrer Feder einfach perfekt ist, aber wenn man auf dem Markt erfolgreich sein will, sollte man den Wert eines guten Lektors nicht unterschätzen. Ich bin meiner Lektorin jedenfalls sehr dankbar, denn sie hat einen unglaublich guten Blick für Schwächen im Text und der Handlung – das ist eine Fähigkeit, die selbst bei den besten Testlesern nicht  (oder nur sehr, sehr selten) zu finden ist. Und ein Lektor pfuscht einem auch nicht im Text herum, sondern macht nur Änderungsvorschläge.

Und für alle, die sich über Rechtschreibfehler in Büchern beschweren und den Lektoren daran die Schuld geben: Das ist nicht ihre Aufgabe. Korrektoren suchen nach Rechtschreibfehlern und auch diese sind nur Menschen und übersehen manchmal etwas.

7. Bevor ich für die Schublade schreibe, bezahle ich lieber etwas für die Veröffentlichung.
Das Witzige ist: Die meisten, von denen ich so etwas lese, sind noch unter dreißig – da finde ich es doch sehr absurd. Zerpflücken wir diese Aussage also.


1. Für die Schublade zu schreiben ist völlig normal. Auch wenn ich es mit dem ersten Manuskript, mit dem ich mich beworben habe, es direkt zu Agent und Verlag geschafft habe, schreibe ich doch seit meiner Kindheit. In meinen Schubladen lagern tausende Seiten, die niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. Das ist der normale Prozess des Lernens. Ihr stellt euch doch auch nicht mit den ersten Tönen auf der Blockflöte vor ein großes Publikum und spielt dann “Alle meine Entchen” oder versucht einem Galeristen eure erste Zeichnung zu verkaufen. Vom “Für die Schublade schreiben” kann man in meinen Augen erst ab dem zehnten, vollständig überarbeiteten Manuskript sprechen – alles davor gehört zur Lernphase.

2. Wenn man noch jung ist (in diesem Fall alles unter 60 😉 ), schadet es doch nicht, wenn man ein paar Manuskripte in der Schublade hat (wenn man denn die Veröffentlichung in einem großen Verlag anstrebt). Bei mir liegen auch noch zwei Projekte herum (beide High-Fantasy), die ich unbedingt irgendwann veröffentlichen möchte. Zur Zeit passt es aber einfach nicht. Na und? Dann warte ich eben noch ein paar Jahre – und wenn es 20 sind – was stört es mich denn? Es kann sogar von Vorteil sein, wenn man ein paar Sachen in der Schublade hat und dann auf eine Anfrage sofort sagen kann: Ja, bitte, ich hätte hier etwas. Und das kommt wirklich nicht selten vor. Also bitte, “verheizt” eure Projekte nicht einfach so, nur weil ihr ungeduldig seid.

8. Ich habe hier einen Vertrag von Verlag XYZ und es ist alles ganz toll, ABER …
Sobald es ein ABER gibt, lasst die Finger davon.
Es gibt einige einfache Grundregeln, wenn man irgendwann zu einem großen Publikumsverlag möchte:

1. Man zahlt NIEMALS etwas an einen Verlag oder einen Agenten – auch nicht für Coaching, Lektorat, Cover … Wenn dies verlangt wird, seid ihr bei einem Dienstleister und solltet es in meinen Augen lassen, da ihr euren Ruf damit schädigen könntet. Wenn ihr es denn unbedingt wollt, vergleicht die Angebote der Dienstleister. Seriöse Dienstleister haben übersichtliche Preislisten (wie BoD, Winterworks), bei denen ihr euch informieren könnt.

2. Es gibt unzählige Kleinverlage, die sehr gut arbeiten, aber leider noch mehr Schundverlage, die jeden Schrott herausbringen oder zu ambitioniert sind und schnell pleite gehen. Beide Fälle sind sehr schlecht für einen Autoren – deshalb informiert euch gründlich über den möglichen Verlag.

3. Prüft eure Verträge sehr gründlich! Ich wiederhole: Prüft eure Verträge sehr gründlich! Hilfe bekommt ihr beim Verband deutscher Schriftsteller – der gehört zu Ver.di (nicht Bund, Bündnis … und was es sonst noch so gibt – einige haben Verbindungen zu Abzockerverlagen), in Foren oder bei einem Anwalt, der sich mit Verlagsrecht auskennt. Beim Verband deutscher Schriftsteller findet ihr auch einen Normvertrag, an dem ihr euch orientieren könnt. Und fragt euch immer, was jede Klausel in dem Vertrag für euch bedeuten könnte, solltet ihr jemals ein bekannter Autor werden. Es ist erschreckend, mit was für Fallstricken hier gearbeitet wird – also seid auf der Hut! Glaubt niemals an das Gute im Menschen, wenn es um Verträge geht!

4. Wenn man euch erzählt, dass ihr einen Bestseller geschrieben habt, lasst die Finger davon. Selbst die großen Verlage können bei Neuautoren nicht vorhersagen, wie die Verkaufszahlen sein werden und sind mit Prognosen sehr, sehr zurückhaltend. Bei Kleinverlagen ist es nahezu ausgeschlossen, dass man einen Bestseller herausbringt. Selbst Autoren wie Nele Neuhaus, die im Selbstverlag angefangen hat, kam erst auf die Bestsellerlisten als sie einen größeren Verlag an ihrer Seite hatte. Vorher mögen es beachtliche Erfolge sein, aber keine Bestseller. Wenn man Derartiges versprochen bekommt, hat man es folglich mit jemanden zu tun, der einen über den Tisch ziehen will (oder der keine Ahnung vom Geschäft hat).


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