Wie Pflanzen helfen, Verbrechen aufzuklären. Teil 1: Pflanzliche Makroreste

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Pflanzen können tatsächlich bei der Aufklärung von Verbrechen helfen. In den folgenden Blogartikeln und Videos werde ich einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten geben. Im ersten Teil geht es um die sogenannten Makroreste. Die sind allerdings nicht so groß, wie man vermuten könnte. Unter Makroreste versteht man alles, was größer als 1Millimeter ist. Das leitet sich davon ab, dass man diesen Pflanzenbestandteil dann noch mit einem normalen Mikroskop untersuchen kann.

Zu den Makroresten gehören also unter anderem:

  • Samen
  • Blätter
  • Knospen
  • Stängel
  • Hölzer
  • Blüten
  • Früchte

Da es allein in Deutschland mehr als 4.500 Pflanzenarten vorkommen, dazu unzählige Kreuzungen und exotische Zimmerpflanzen, gibt es Spezialisten, die teilweise bereits an einem einzelnen Samen die Pflanzenart bestimmen können.
Die Darstellung in Filmen und Büchern (auch meinem eigenen 😉), dass dieselbe Biologin erst einen genetischen Fingerabdruck analysiert und anschließend nach einem Blick durchs Mikroskop eine Pflanze bestimmt, ist vollkommen unrealistisch. Dafür gibt es Spezialisten, die zu Rate gezogen werden und es dauert auch länger als ein paar Minuten, da umfangreiche Bestimmungsschlüssel zu Rate gezogen werden müssen.

Tödliche Hochzeit

Bevor es an die Untersuchung von Verbrechen geht, muss zuerst festgestellt werden, ob überhaupt eines vorliegt. Ein klassisches Beispiel für Fälle, bei denen Biologen dies abklären können, sind Hochzeiten.

Wir kennen alle die Blumenkinder, die auf Hochzeiten Blumen streuen. Leider sind viele dieser Pflanzen giftig (blauer Eisenhut, Maiglöckchen) und kleine Kinder neigen dazu, Dinge in den Mund zu nehmen und zu schlucken. Bei ihrem geringen Körpergewicht kommt es dann zu Vergiftungserscheinungen. Da die wenigsten Menschen von der Giftigkeit der Pflanzen wissen, kommt schnell der Verdacht eines Verbrechens auf. Botaniker können die Pflanzen bestimmen und die Ergebnisse mit den Symptomen und toxikologischen Gutachten abgleichen. So können Verbrechen unkompliziert ausgeschlossen werden.

Dasselbe kann passieren, wenn Kinder mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus gebracht werden, aber niemand weiß, wie es zu der Vergiftung gekommen ist. Dann schauen sich Botaniker das Umfeld an und können z.B. im Haus oder Garten die Pflanze identifizieren, die dafür verantwortlich ist und damit Eltern und Angehörige von möglichem Verdacht entlasten.

Aufklärung von Verbrechen

Pflanzen können Auskunft über Tatorte geben und auch Verbindungen zwischen Tatverdächtigen und Tatorten herstellen. Dazu bedient man sich der Tatsache, dass viele Pflanzen ausschließlich in bestimmten Biotopen (Bach, Bergwald, Moor …) vorkommen. Im großen Maßstab kennen wir das alle. In den Alpen wachsen andere Pflanzen, als in der rheinischen Tiefebene. Aber auch regional gibt es große Unterschiede. An dem kleinen Waldsee finden sich andere Pflanzen (Schilf, Seerosen), als auf der Kuhwiese.

Wann immer wir uns in der freien Natur bewegen, bringen wir auch pflanzliche Reste zurück. Nicht gleich ganze Äste, aber winzige Samen, Blüten oder Blätter, die sich in Kapuzen, Gürtelschnallen, Brillengelenken oder Hosenumschlägen festgesetzt haben. Auch an unseren Schuhen finden wir reichlich Material.

Findet man also z.B. eine Leiche an einem See und es gibt einen Tatverdächtigen, dann können Biologen dessen Kleidung untersuchen. Findet sich auf der Kleidung nun eine Pflanze, die ausschließlich an Seen vorkommt, ist dies ein sehr gutes Indiz. Vor allem wenn der Tatverdächtige bestreitet, an einem See gewesen zu sein.

Gerade an Hosen und Schuhen findet sich aber oft reichlich Material, sodass sogar ganze Wege rekonstruiert werden können. Es werden einfach alle Pflanzen bestimmt und dann ihren jeweiligen Biotopen zugeordnet. Anschließend weiß man dann z.B., dass unser Tatverdächtiger über eine Kuhwiese, einen künstlich angelegten Rasen und durch einen Nadelwald gegangen ist. Mithilfe einer Karte lassen sich so mögliche Wegstrecken erstellen.

Das kann in Fällen hilfreich sein, bei denen man den Täter hat, dieser aber nicht verrät, wo er sein Opfer oder Beute versteckt.

Manchmal stößt man aber erst Tage später auf einen Tatverdächtigen. Die Kleidung ist gewaschen und die Schuhe geputzt. Was dann? Gerne wird das Auto vergessen, aber dort können sich auch Pflanzenteile festsetzen. Findet man ein Blatt in einem Kofferraum und der Tatverdächtige bestreitet in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein, kann die Bestimmung der Pflanze helfen, dies zu wiederlegen. Zumindest das Fahrzeug kann dann in Verbindung zu einem Verbrechen gebracht werden.

Zeigerpflanzen

Aber nicht nur die einzelnen Biotope, in denen Pflanzen vorkommen, geben Aufschluss über den Ort eines Verbrechens. Es gibt auch sogenannte Zeigerpflanzen, die sehr sensibel in Bezug auf die Böden sind, auf denen sie wachsen. Ändern sich die Bedingungen auch nur geringfügig, gehen sie ein. Die Große Brennessel ist z.B. ein ausgesprochener Stickstoffzeiger. Sehen wir sie irgendwo wachsen, wissen wir, dass der Boden sehr viel Stickstoff enthält. Es gibt unzählige Arten von diesen Zeigerpflanzen. Sie zeigen unter anderem an, ob ein Boden sauer, schwermetallhaltig, stickstoffreich oder -arm, kalkhaltig, nass, trocken, sonnig oder schattig ist. Zusammen mit Karten und geologischen Informationen kann  man so auch herausfinden, an welchen Orten sich eine Person aufgehalten hat.

Zeitliche Eingrenzung

Für mich das Überraschendste war die Tatsache, dass Pflanzen auch helfen können, um zeitliche Abläufe zu rekonstruieren.

Wir kennen doch alle den Effekt, dass Rasen unter Zelten oder im Sommer unter diesen Plastikpools ausbleicht. Dass liegt am fehlenden Sonnenlicht und kann man bei nahezu allen Pflanzen feststellen. Bei manchen Arten weiß man auch, wie lange es dauert.

Findet man nun eine Leiche auf einer Wiese, können Biologen sich die darunterliegenden Pflanzen anschauen und anhand des Grades der Ausbleichung feststellen, wie lange der Körper an dieser Stelle liegt.

Eine andere Methode greift auf die Tatsache zurück, dass Pflanzen im Laufe des Jahres unterschiedliche Bestandteile ausbilden. Ein einfaches Beispiel ist der Löwenzahn, der im Frühjahr gelb blüht, um später zur beliebten Pusteblume zu werden.

Finden sich nun in einem verschlossenen Behälter (Leichen werden relativ häufig in Koffern und Säcken gefunden) Pflanzenreste, kann so manchmal bestimmt werden, wann z.B. eine Leiche darin deponiert wurde.

Finden wir also im Herbst neben einer Leiche in einem Müllsack eine vertrocknete Löwenzahnblüte, dann lässt sich daraus schließen, dass die Leiche zu der Blütezeit dort deponiert wurde. Man muss natürlich auch immer andere Faktoren in Betrachtung ziehen: Kann die Pflanze überhaupt zufällig dort hineingeraten sein? Wenn es nirgends Löwenzahn gibt, ist es unwahrscheinlich. Wurde der Sack möglicherweise zwischendurch geöffnet? Könnte die Pflanze auch vorher dort hineingeraten sein?

Dennoch geben Pflanzen häufig hilfreiche Hinweise oder bestätigen andere Untersuchungen, wenn beide zum selben Ergebnis kommen.